gepostet von Ute

Tägliche Exit-Strategie: Kindliche Leichtigkeit
Foto: UW

Ich lese: „Das Schlimmste steht uns noch bevor.“ Lachen aus dem Wohnzimmer. Die “Zeit online” schreibt: „Boris Johnson auf Intensivstation verlegt.“ Kichern und Singen eine Etage unter mir. “Die Sterberate steigt wieder.” Der Sohn schickt fröhliche Gitarrenriffs durch Haus. Ich lese von Stille, von Stillstand und vom Stillhalten. Mein Home-Schooling-Office-Alltag ist laut.

Draußen und drinnen stehen in keinem Verhältnis mehr zueinander. Meine Kinder schenken diesem absurden, neuen Alltag gnadenlose Unbekümmertheit und ich bin ihr fast pausenlos ausgesetzt. Wie unangemessen! Ihr Lachen und Herumalbern, ihr Singen, Musizieren und Toben machen, dass ich das Virus vergesse. Die Welt da draußen mit ihren erbarmungslos wachsenden Infektions- und Todeszahlen, die Stadt mit ihren geschlossenen Läden und Existenzängsten, die Krankenhäuser mit ihren nach Luft ringenden Patienten, die Verzweiflung in beengten Wohnungen, die anderen Kindern zum Gefängnis werden.

Zu all dem läuft der Soundtrack des sorglosen Kinderlachens.

Ich kann gar nicht anders: Die Stimmung überträgt sich. Unbemerkt tauche ich ab in diesen pastellfarbenen Familienkitsch, koppel mich ab vom unheilvollen Geschehen “da draußen”. Mit einem Mal dreht sich meine kleine Welt nur um sich selbst, “völlig losgelöst”. Nena lässt grüßen. Eine Insel der Sorglosigkeit. Bis auf einmal: “Pling!” Wieder eine Breaking News auf dem Smartphone. Der Nachrichtenticker öffnet sich mit seinen Kurven und Säulen und maskierten Gesichtern. Er holt mich jäh zurück in die Wirklichkeit. Wie festgenagelt bleibe ich sitzen, während sich der Zirkus um mich herum weiterdreht.

Seid ihr schon einmal ausgelassen auf dem Trampolin gesprungen und habt anschließend versucht, auf festem Untergrund weiterzuhüpfen? Versucht es! Es geht nicht. Die Füße sind schwer wie Blei, ein Zementsack scheint euch am Boden zu halten. Und ihr lacht euch scheckig. Einmal den begrenzten Raum des Trampolins verlassen, ist Fliegen verboten. Bleierne Schwere ersetzt die Schwerelosigkeit. So ungefähr fühlt sich das jedesmal an, wenn es wieder “Pling!” macht.

Und das ist – phasenweise – meine Exit-Strategie: Wenn die Meldungen beginnen, mich zu deprimieren, wenn die Stimmung umschlägt, tauche ich wieder ab ins tröstliche Kinderspiel. Ich blende aus. Ich weiß nicht, wie lange das noch funktioniert.

Ute Watzl, freie Autorin
Ute Watzl ist Journalistin in München und publiziert in den Bereichen Gesellschaft, Bergsport, Familie und alpine Kultur. Sie ist Autorin von “Meine Berge – Tourenbuch für Kinder”, erschienen im Zwerg am Berg Verlag.