gepostet von Barbara

Lesen lässt den Geist fliegen

Neue Home-Office Mitarbeiterin (nutzt Zeit zum Lesen und Experimentieren mit Foto-Apps)
Foto: BL

Für AutorInnen ist das Home-Office nichts wirklich Neues. Vor nicht allzu langer Zeit zog ich mich, nach Erledigung von Einkäufen und Familien-Admin, normalerweise an den Schreibtisch zurück, gestört nur von der um Aufmerksamkeit bettelnden Katze, die versuchte, es sich auf meinem Keyboard gemütlich zu machen.

Anders ist also seit dem Londoner Lockdown, dass mein Home-Office jetzt drei neue Mitarbeiter hat, von denen ich keinen explizit eingestellt habe. Um Missverständnissen vorzubeugen – auch ohne Lockdown würde ich die Gesellschaft meines Mannes und meiner Töchter jeder anderen vorziehen, selbst wenn wir uns zu viert in einer Zelle befänden. Unser Home-Office dagegen hat sogar einen Garten und Blick ins Grüne. Ich weiß, wie glücklich wir uns schätzen dürfen.

Meine drei neuen Mitarbeiter haben theoretisch eigene Arbeiten zu erledigen, sind aber noch neu im Home-Office, was zwangsläufig zu vielen Fragen führt.

Passwörter für Online-Banking, Online-Shopping, das Schul-Portal und natürlich Netflix werden bei mir angefragt. Gerne auch mehrfach. Die Erwartungen der Schule scheinen im Moment manchmal auch Eltern einzubeziehen, so dass ich, statt mich meiner eigenen Arbeit zu widmen, in den letzten Tagen an Projekten über Afrika, den Stromkreislauf und Pluto, den Zwergplaneten, mitgewirkt habe. Virtuelle Klavier- und Schlagzeugstunden müssen geplant und per Videokonferenz durchgeführt werden. Die jüngeren Mitarbeiter werden beim Joggen begleitet (hier noch erlaubt) – was natürlich auch Spaß macht. Die jüngste Mitarbeiterin versucht sich gerade in der Küche zurechtzufinden und macht schmerzhafte Erfahrungen beim Zwiebelschneiden. Ich versuche mich nicht einzumischen, denn es geht hauptsächlich darum, dass alle Mitarbeiter sich am Kochen/Essen/Aufräumen beteiligen, wie es sich in einer guten Bürogemeinschaft gehört.

Vor dem Lockdown hatten die neuen Mitarbeiter das Konzept des Home-Office in erster Linie mit Ausschlafen in Verbindung gebracht. Hier konnten alle von meiner langjährigen Erfahrung profitieren. Der Wecker klingelt an Werktagen genau wie vor dem Lockdown. Außerdem wird Home-Office im Pyjama nicht toleriert. Jeder muss sich morgens anziehen. Es kam zu ersten Protesten der jüngeren Mitarbeiter. Die Schule hat ihre Androhung der ersten Stunde per Video-Konferenz um 8.30 Uhr, an der alle SchülerInnen in Schuluniform teilnehmen müssen, allerdings nicht wahr gemacht. Noch nicht. Wir sind auf das Schlimmste vorbereitet.

Montag und Donnerstag sind Putztage. Das gemeinschaftliche Saubermachen hat den Vorteil, dass alle Mitarbeiter mehr Gespür für den Wert dieser Tätigkeit bekommen und nicht einfach ihr Arbeitsmaterial (Klamotten, Schulbücher, Elektronisches) in die Ecke schmeißen.

Meistens denken wir nicht daran, warum wir uns jetzt alle gemeinsam im Home-Office befinden. Doch dann erinnern uns die TV-Nachrichten, traurige Mitteilungen von Freunden und Bekannten oder Krankenwagen-Sirenen in der sonst so gespenstisch stillen Stadt an den Grund, warum wir zu Hause bleiben. Die kleinen Streitigkeiten sind jetzt viel schneller vergessen als noch vor ein paar Wochen.

Mein Tag fühlt sich mindestens so geschäftig an wie vor dem Lockdown. Ich komme aber weiterhin zum Schreiben. Die Katze besucht mich seltener, jetzt wo sie mehrere Laptop-Besitzer zur Auswahl hat. Eigentlich schade, denn im Moment schreibe ich gerade an einem Buch über Katzen.

Barbara Laban lebt und arbeitet in London. Ihr Kinderbuch-Debüt »Im Zeichen des Mondfests« wurde mit dem Goldenen Pick und dem Goldenen Bücherpiraten ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr das Buch „Rebecca – verflucht, ausgerechnet England!”. Barbara studierte Sinologie und arbeitete vor ihrer Tätigkeit als Buchautorin u.a. als Übersetzerin und Studienleiterin an einem Zentrum für chinesische Medizin.