gepostet von Ute

Auf stillen Pfaden unterwegs

Plötzlich fast ein Privileg: Wohnen am Waldrand. Die Geschwister entdecken unbekannte Pfade. Ganz ohne Mindestabstand.
Foto: UW

Das Jammern wird lauter. „Kein Ausflug in die Berge! Reist mit mir in Gedanken“, rufen die Insta-Accounts mit ihren blau-weiß-grünen Gipfelbildern. „Keine Kletterhalle! Bouldern kann man überall“, wird mit witzigen Filmchen aus den Wohnzimmern getwittert. Woche zwei der Ausgangsbeschränkungen. Meine Outdoor-Community wird indoor kreativ im kollektiven Lockdown: mit Gipfelrätseln, virtuellen Touren, T-Shirt-Aktionen und Podcasts. Und aus allem schreit die gemeinsame Sehnsucht, endlich wieder ausfliegen zu können, zu Fuß, auf Ski, mit dem Rad, am Seil.

Und ich? Ich sitze in der Sonne im Garten, beim Spiel mit den Kindern, putze die Wohnung, ich koche (!), ich turne mit den Kids – und das alles mit ungekannter Seelenruhe. Von Lagerkoller keine Spur. Ich nehme mir Zeit; was ich tue, tu ich mit Hingabe, sogar kochen (!). Ich genieße das Alltägliche, die kleinen Routinen. Wie oft hatte ich mir das insgeheim gewünscht. Es wollte mir nie so recht gelingen.

Was ist eigentlich passiert?

Dabei hatte man mir einen besonders gravierenden Corona-Blues prophezeit. Hatte ich nicht immer schon die nächste Skitour im Kopf, die nächste Bergtour, den nächsten Gipfel? Stand ich nicht immer schon wieder mit einem Fuß auf der Fahrrad-Pedale, noch während ich Hausaufgaben kontrollierte, Stunden beim Tennistraining zusah oder im Büro die letzte Tourenrecherche zur Reportage formulierte. „Bald wieder raus“, war immer das leise Gefühl, das mich zuverlässig in regelmäßigen, meist kurzen Abständen einholte. Manch einer würde wohl sagen: Ich war getrieben. Und manchmal stimmte das wohl auch. Umso mehr wundere ich mich nun über meine Ruhe.

Also was ist passiert?

Es ist recht einfach: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Ich telefoniere mit Freunden, die ebenso zuhause festsitzen. Ich scrolle entspannt durch meine Insta-Timeline – sie schweigt nicht, aber sie hat mir auch nicht allzu viel mitzuteilen. Keine aktuellen Inspirationen aus den Bergen. Niemand, der mir erzählt, welch feinste Powder-Abfahrt er gestern erlebt hat. Niemand, der mich anstachelt, den Rucksack zu packen. Keine coolen Filmchen von draußen.

Outdoor – das sind jetzt der Stadtpark gefüllt mit Joggern oder die leergefegten Straßen des Viertels. Mit dem Wald vor der Nase bin ich da fast schon privilegiert. Also reihe ich mich ein in die Riege der unzähligen Jogger und entdecke den Wald auf unbekannten, stillen Pfaden. Und ansonsten gibt es nichts und niemanden, der mich aus meiner Gelassenheit holen könnte. Denn wir dürfen ALLE nicht. Es ist ein angenehmes Sich-Ergeben. Und bei all dem bin ich dankbar für die liebenswerte Gesellschaft und Unterhaltung, die mir die Familie bietet.

Ute Watzl, freie Autorin
Ute Watzl ist Journalistin in München und publiziert in den Bereichen Gesellschaft, Bergsport, Familie und alpine Kultur. Sie ist Autorin von “Meine Berge – Tourenbuch für Kinder”, erschienen im Zwerg am Berg Verlag.